Die Georg-Agricola-Gesellschaft (GAG) ergänzt mit ihren Themen die Arbeit des IADM

Dipl.-Ing. Boris Fuchs

Internationaler Arbeitskreis Druck- und Mediengeschichte e.V. (IADM)

Die Georg-Agricola-Gesellschaft zur Förderung der Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik e.V. (GAG) wurde im November 1926 anlässlich einer Sitzung des Vorstandsrates des Deutschen Museums in München gegründet und war ursprünglich dazu gedacht, die Finanzierung einer deutschen Neuauflage des Hauptwerkes von Georg Agricola (1494-1555) „De Re Metallica“ sicher zu stellen. Über die Jahre hinweg entwickelte sich daraus die deutsche Gesellschaft für Technikgeschichte schlechthin. Wie alle diesbezüglichen Gesellschaften leidet sie augenblicklich unter einem Mangel an Fördermitgliedern, was jedoch die Qualität ihrer Arbeit nicht negativ beeinflusst. GAG und IADM sind sich in ihren Zielsetzungen sehr ähnlich, was auch schon einmal zu einer Zusammenarbeit geführt hat.

Im Jahre 1997 fand diese Gemeinschaftsveranstaltung von GAG und IADM in den Räumen und in der Gastgeberrolle der Heidelberger Druckmaschinen AG statt, wobei das Thema „Von der Kalligraphie zum Direct Imaging“ auf dem Programm stand. Unser IADM-Mitglied Reinald Schröder hielt dabei einen viel beachteten Vortrag über „Von der Handpresse zur Rotationsdruckmaschine und zum Maschinensatz“. Weitere Themen waren: „Von der Handschrift zu den frühen Drucken“ (Schlechter), „Der Buchdruck in der frühen Neuzeit“ (Weigand), „Kulturgeschichte und soziale Veränderungen“ (Schönbeck), „Die Entwicklung des Druckmaschinenbaus in der BRD und der DDR“ (Klump) und „Offset- und Digitaldruck – Evolution oder Revolution in der graphischen Industrie? (Kipphan)“. All dies ist nachzulesen in den so genannten Silbergrauen Heften der GAG, im Band 23.

Die darauf folgende Jahrestagung der GAG 1998 in Köln widmete sich dem Weg zum modernen Papier. Dabei hielt das IADM-Mitglied Boris Fuchs einen Vortrag zum Thema: „Papier-Recycling und Umweltschutz aus historischer Sicht“. Die Jahrestagung 1999 folgte in Weinheim der Einladung der Carl Freudenberg AG zu deren 150jährigen Jubiläum und wählte als Tagungsthema: „Vom Leder zum Chemiewerkstoff“. Im Jahr 2000 lud die Schott Jena Glas AG zur Eröffnung ihres Werksmuseums die GAG nach Jena ein, wobei die Jahrestagung sich dem Thema: „Glas – Kunst. Technik, Wirtschaft“ widmete. Zum 75jährigen Gründungsjubiläum im Jahre 2001 kehrte die GAG an ihren Gründungsort, in die Ehrenhalle des Deutschen Museums, nach München zurück und wählte als Thema: „Kommunikation in Geschichte und Gegenwart“. Den für unser Fachgebiet interessantesten Vortrag hielt dabei Prof. Dr. Jürgen Wilke vom Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit dem Titel: „Entwicklungsstufen und Determinanten der Kommunikationsgeschichte“. Neben zahlreichen Vorträgen, die vornehmlich die Telephonie und die Funkentelegraphie betrafen, war der Vortrag von Dr. Raymund Werle vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln zum Thema: „20 Jahre Internet – Entwicklungspfad und Entwicklungsperspektiven“ für uns besonders ansprechend.

Die Jahrestagung 2002 ging nach Freiberg in Sachsen, wohin die Geschäftsstelle der GAG inzwischen umgezogen war (Institut für Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Bergakademie Freiberg). Das Tagungsthema lautete: „Recycling in Geschichte und Gegenwart“. Die diesjährige Jahrestagung am 12.-14. September 2003 fand wiederum einen großen Sponsor in der Person von Prof. Dr. h .c. Reinhold Würth und seiner Adolf Würth GmbH. in Künzelsau. Dem Produkt von Würth entsprechend, wurde als Titel der Tagung gewählt: „Schrauben, Fügen, Kleben – zur Entwicklung der Befestigungstechnik“. Unterstützt wurde das Ganze noch dadurch, dass Prof. Würth an seinem Unternehmenssitz ein Technikmuseum zu diesem Thema, neben einem Kunstmuseum und einer Kunsthalle unterhält. Da die Thematik auch für unser Fachgebiet einige interessante Aspekte enthielt, soll nachfolgend davon in Auszügen berichtet werden. Die Jahrestagungen 2004 und 2005 werden in Bremerhaven (3,-5. September 2003 im Deutschen Schifffahrtsmuseum) und Chemnitz (450. Todestag von Georg Agricola) stattfinden.

Der alljährlich von der GAG vergebene Nachwuchsförderpreis ging in diesem Jahr an den Belgier Dr. Bernd Andreas Fickers für seine Dissertation: “ Politique de la grandeur“ versus „Made in Germany“. Die Analyse der PAL-SECAM-Kontroverse wird darin als Beispiel einer politischen Kulturgeschichte der Technik behandelt. Er versuchte die Gründe für das Scheitern der Einigung auf einen gemeinsamen Farbfernseh-Standard 1966 in Oslo durch einen mehrdimensionalen Ansatz (Politik, Wirtschaft, Technik) zu ergründen.

Auf der technischen Seite war da der NTSC-Standard der Nordamerikaner, der als Basis-Innovation bereits seit 1953 bestanden hat, und auf der anderen Seite die Verbesserungs-Innovationen PAL und SECAM. Als Erfinder wurden Henri de France von der französischen ORTF für das SECAM-System und Walter Bruch von Telefunken-AEG für das PAL-System genannt. Die SECAM-Seite hob einen Mehrwert gegenüber PAL hervor, während die PAL-Seite SECAM als ein „gebasteltes System“ abzuqualifizieren versuchte. Auf eine politische Ebene gehoben wurde der Technikerstreit, als der französische Staatspräsident darin ein Mittel für die „Osterweiterung“ seiner politique de la grandeur sah. Charles de Gaulle sprach von SECAM als einer „carte de visite de la France“ und einer „concorde franco-russe“.

Auf der CCIR-Konferenz 1965 in Wien war noch eine Mehrheit für das SECAM-System festzustellen und NTSC galt als Alternative, doch auf der entscheidenden Oslo-Konferenz 1966 ergab sich eine Mehrheit für das PAL-System, während NTSC unter den Tisch fiel. Da Charles de Gaulle bereits den Ostblock für das SECAM-System gewonnen hatte, gab es jedoch keine Einigung auf das mehrheitlich gewählte System PAL.

Die Gründe für das Scheitern der Einigung auf einen einzigen Standard, dessen Mehrkosten am Ende der Endverbraucher zu tragen hatte, sah Dr. Fickers in der technischen Gleichwertigkeit aller drei Systeme und den starken wirtschaftlichen Interessen bei der Vermarktung der Lizenzen. Was die beiden Kontrahenten anbelangte, so waren auch die politischen Strukturen entscheidend: in Frankreich zentral ausgerichtet, in Deutschland föderalistisch. Zum Schluss zitierte er den Redakteur einer französischen Fachzeitschrift, der danach kommentierte: „Noch nie sah die Zukunft der Farbe so düster aus“.

Als nächster Referent sprach Priv.-Doz. Dr. Rüdiger Krause vom Amt für Denkmalspflege in Stuttgart über. „Zum Gewinde in der Antike – technische Errungenschaften oder Finesse?“ Die Schrauben- oder Spiralstruktur, die bereits von der Natur in vielfacher Weise (Torsionen) vorgegeben ist, wurde bereits in der Bronzezeit vor über 4000 Jahren als einfaches Zierelement vor allem an Kleidungsstücken und Schmuck (Zwiebelknopffibeln), aber auch an Geräten und Waffen verwendet. Als Urvater der Anwendung der Schraube im technischen Bereich gilt der griechische Mathematiker Archimedes (287 – 12 n. Chr.) aus Syrakus, doch ist ihm wahrscheinlich nur die mathematische Umsetzung von bereits bestehenden Wasserschrauben zu verdanken, die er bei einem Besuch in Ägypten gesehen hatte.

Der römische Architekt Vitruv beschäftigte sich im letzten Jahrhundert v. Chr. mit der Konstruktion der Schraubenform und Heron von Alexandria entwickelte um die gleiche Zeit damit verschiedene Instrumente, wie die „Dioptra“ (optisches Vermessungsinstrument) und das „Hedometer“ (Wegstreckenmesser). Plinius der Ältere beschrieb ihre Anwendung in der Landwirtschaft (Olivenölpresse und Weinpresse). In der Medizintechnik trat die Schraube als Spannelement bei Operationen bereits im 4. Jhd. n. Chr. auf. Lange Zeit fiel sie in Vergessenheit, sodass Leonardo da Vinci (1452-1519) als der Wiederentdecker der Schraube bezeichnet wurde – die Schraube in der Renaissancezeit eine Renaissance erfuhr.

Als weitere Stationen der Schraube nannte Dr. Krause die Verschraubungen an der eisernen Hand des Ritters Götz von Berlichingen und das Vortragskreuz der Benediktinermönche im Stift Melk an der Donau, an dem ein Reliquienbehälter mit einer Schraube befestigt und verschlossen wurde. Schließlich war es ein großer Fortschritt gegenüber der chinesischen und koreanischen Druckpraxis, als Johannes Gutenberg die hölzerne Schraube bei seiner Druckpresse einsetzte, während erstere sich mit der wesentlich langsameren und ungenauen Abreibetechnik abmühen mussten.

Dr. Hartmut Knittel vom Landesmuseum für Technik und Arbeit Mannheim referierte danach über „Die Bedeutung der Schraube für die Industrialisierung“. Er legte dabei den Schwerpunkt auf das 19. und 20. Jhd. und wies nach, dass der Übergang von der Holzschraube zur Metallschraube mehr durch das Vermessungswesen, als vom Maschinenbau bestimmt wurde. Dort stellte man nämlich die größten Anforderungen an die Präzision (Nivellierschrauben an Theodoliten). Ebenso hohe Anforderungen wurden an die Okular-Schrauben von Mikroskopen gestellt. Normung und Standardisierung waren schließlich die Voraussetzung für die Massenfertigung von Waffen, wie sie der Krim-Krieg und der amerikanische Bürgerkrieg forderten.

Ganz spezielle Anforderungen an Schrauben stellte die Hochdruck-Chemie bei der Ammoniaksynthese (Haber-Bosch-Verfahren), was wiederum für die Kriegsführung entscheidend war. Mit Äthylenkompressoren waren schließlich Drücke von über 2000 bar mittels Schrauben abzudichten. Dr. Knittel ging deshalb noch auf die Sicherheitsaspekte ein (Dampfkessel-Überwachungsvereine) und stellte heraus, dass bei den Großexplosionen der Chemieindustrie in der Vergangenheit nie die Festigkeit der Schrauben schuld war, sondern die mangelnden Kenntnisse über die Stoffreaktionen. Zum Schluss führte Dr. Knittel an, dass man trotz der Konkurrenz durch Nieten, Schweißen, Löten, Kleben und Klipps den Vorteil von Schrauben in jüngster Zeit wieder erkannt hat, wenn Schwebebahnen heute nicht mehr genietet, sondern geschraubt werden, und in der modernen Knochen-Chirurgie die Schraube ihre segensreiche Wirkung vollbringt.

Dr. Günther Laxbacher von der Max-Planck-Gesellschaft für Wissenschaftstechnik in Berlin sprach über: „Die Rolle der Fügetechnik in der Genese der industriellen Massenproduktion“, wobei es ihm mehr um die Einordnung der Fügetechnik in die übrigen Verrichtungen der Produktionstechnik ging. In der Diskussion wurde gefragt, ob das Papiermachen als eine Fügetechnik einzuordnen sei, was Dr. Laxbacher verneinte, ebenso wie die Drucktechnik nicht als eine Fügetechnik angesehen werden könne.

Dr. Jürgen Bönig, Leiter der Abteilung graphisches Gewerbe beim Museum der Arbeit in Hamburg, widmete sich dem Thema: „Gewachsenes und Unbestimmtes. Von den Schwierigkeiten der Mechanisierung in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie“. Es handelte sich dabei um einen Teil seiner Dissertation mit dem Titel: „Die Einführung der Fließbandproduktion in Deutschland bis 1933“, die in zwei Bänden unter dem gleichen Titel im LIT-Verlag, Hamburg und Münster, erschienen ist. Der Teil, den er vortrug, konnte allerdings bei der Drucklegung aus Platzgründen nicht untergebracht werden. Im Museum wird jedoch das Thema an einer Fischentgrätungsmaschine von 1933 behandelt.

Bei der Verarbeitung in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie geht es hauptsächlich um Tätigkeiten, die Frauen früher zuhause verrichteten – und dies mit einfachen Werkzeugen. Die Wertschätzung dieser Arbeit erhalte deshalb in der von Männern geschriebenen Technikgeschichte nicht den ihr zustehenden Stellenrang.

Eine zweite Schwierigkeit ergebe sich durch das „Gewachsene“, z. Bsp. durch die Erfahrungen der Automatisierung in der Automobilindustrie. Dr. Bönig sprach hier von „biegeschlaffen Teilen“ die den soliden Teilen in der Metallverarbeitung zuwider laufen. Dabei traten die ersten Fließbandarbeiten in den Getreidemühlen auf – zunächst in einem diskontinuierlichen, Ende des 19. Jhd. jedoch zunehmend in einem kontinuierlichen Prozess.

Die Zuckerherstellung, die Kekse des Herrn Balzen und die Tee- und Kaffeerösterei sind weitere Stationen auf dem Entwicklungsweg der Fließbandproduktion, wobei das Erreichen eines bestimmten Geschmacks immer noch das Wissen des Menschen gebraucht wird. Schließlich war es der Schlachthof von Chicago, der Henry Ford das Vorbild für seine Kraftwagen-Montagelinien gab.

Mit weiteren Beispielen aus der Fisch- und Zigarettenindustrie beschloss Dr. Bönig seinen Vortrag und stellte in Frage, ob wirklich nur deshalb eine Arbeit für die Fließbandproduktion geeignet ist, weil sie davor von Frauen gemacht wurde, Es komme schließlich etwas anders dabei heraus.

Die letzten beiden Vorträge hielten Katrin Cura, Biologie- und Chemie-Lehrerin am Wirtschafts-Gymnasium in Hamburg zum Thema: „Die Entwicklung der Holzklebstoffe“ und Prof. Dr. Eike Lehmann, Leiter des Instituts für Schiffbau an der TU Hamburg-Harburg über: „Nieten und Schweißen im Schiffbau“. Da diese keine Relevanz zu unserem Fachgebiet haben, wollen wir es bei der Nennung der Themen bewenden lassen.

Interessenten für die Silbergrauen Hefte der GAG und die Arbeit der GAG allgemein können sich an die Geschäftsstelle der Georg-Agricola-Gesellschaft (Geschäftsführer Dr. Roland Ladwig) am Institut für Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Bergakademie Freiberg, 09595 Freiberg:

Internet: www.georg-agricola-gesellschaft.de
E-Mail: Roland.Ladwig@georg-agricola-gesellschaft.de