Einschätzung der Entwicklung des Bogen- offsetdrucks im Rückblick auf die drupa2004

Bericht über das IDD/VDD-Seminar vom 8. Juli 2004 in Darmstadt

Prof. Dr.-Ing. Edgar Dörsam begrüßte im Namen von IDD und VDD den Referenten Dr.-Ing. Klaus Spiegel, dem er besonders dafür dankte, dass er trotzdem gekommen sei. Das Wort „trotzdem“ bezog sich dabei auf das erst kürzlich stattgefundene Ausscheiden von Dr. Spiegel aus dem Vorstand der Heidelberger Druckmaschinen AG. Das Referat erhielt dadurch eine besondere Aufmerksamkeit, kann es doch als eine Art Vermächtnis eines genialen Druckmaschinenkonstrukteurs gewertet werden, der über 21 Jahre als dienstältestes Vorstandsmitglied dieses größten Druckmaschinenherstellers der Welt die Entwicklung des Bogenoffsetmaschinenbaus geprägt hat. Zudem hatte das Thema Bogenoffsetdruck auch durch das gegenwärtige Jubiläum „100 Jahre Offsetdruck“ einen aktuellen Bezug, denn 1904, also vor genau 100 Jahren, entstanden mit der parallelen Doppelerfindung von Caspar Hermann und Ira W. Rubel in USA die ersten Bogenoffsetmaschinen.

Die drupa 2004 war keine Messe des Digitaldrucks

Dr.-Ing. Klaus Spiegel begann das ihm vorgegebene und von vornehmlich älteren VDD-Mitgliedern mit großem Interesse verfolgte Referat mit dem Hinweis, dass Frank Romanos (Prof. am RIT in Rochester, N.Y.) Prognose, die drupa2004 werde eine Messe der Digitaldruckmaschinen, nicht eingetroffen sei. Heute werde mehr gedruckt als je zuvor. Dabei sei die Formherstellung der konventionell druckenden Maschinen ebenso schnell zu bewerkstelligen, wie die der Digitaldruckmaschinen. Man könne deshalb sagen, dass der Digitaldruck vielleicht unbeabsichtigt zum Förderer des konventionellen Offsetdrucks wurde. Und warum wird mehr gedruckt? Das gedruckte Produkt setzt am Point of Sales Emotionen frei – das Papier vermittelt und verwandelt sich in Gefühle. Der Druckmaschinenbauer müsse sich deshalb bei all seinen Entwicklungsarbeiten stets die Frage vor Augen führen, was der Kunde von ihm erwarte. Nur dann habe der Absatz eine Chance.

Nach dieser Einleitung ging Dr. Spiegel auf die gegenwärtige Situation in der grafischen Industrie ein, die dem Fachmann hinreichend bekannt ist – das Seminar war eigentlich für die Studenten des IDD gedacht – und deshalb hier nur stichwortartig wiederholt werden braucht: Umsatzentwicklung 2003 gegen 2002 minus 4%, gegen 2001 sogar minus 9,5%, Zunahme der Insolvenzen 185, 8% weniger Druckereien gegenüber 2002. Überproportionale Insolvenzen bei Akzidenz-Rollenoffsetdruck und Zeitungsdruck. Basel II erschwert Kreditaufnahme. Allgemeine Zurückhaltung der Banken mit Krediten für Drucker. Geschäftsklima-Index ist seit dem Hoch in 2000 (88%) auf ein Tief in 2003 (81%) gefallen. Die drupa2004 habe zwar einen gewissen Schub gebracht, aber für wie lange? Trends: Fusionen und Kooperationen – die „Großen“ verlangen höhere Rabatte beim Maschineneinkauf. Die Leistungssteigerung der Maschinen führt zwangsläufig zu weniger Maschinenbedarf nach Stückzahl.

Als zukünftige Herausforderungen für die Druckereien ergeben sich daraus: Auf extrem kürzere Durchlaufzeiten bei den Aufträgen einstellen. Die Geschäftsprozesse, der Auftragsmix und die Kostenstruktur müssen analysiert und optimiert werden. Der Service ist horizontal und vertikal auszuweiten. Prozesseffizienz ist der Schlüssel zum Kundenerfolg. Daraus ergeben sich als Entwicklungsziele für den Druckmaschinenbauer: Parallelisierung der Rüstprozesse (Entkoppelung der Druckeinheiten /vollautomatischer Plattenwechsel), Ausweitung der integrierten Inline-Qualitätskontrolle (Inline-Bogeninspektion), auch Inline-Prozesse einschließen (Kaltleimfolien, Sonderkonfigurationen für die Personalisierung) und Applikationen wie UV, Hybrid, Drip-off, Verwendung von hochpigmentierten Farben und FM-Raster der 2. Generation sind zu berücksichtigen.

Speedmaster XL 105 mit 10% mehr Produktivität

Auf die Produkte der Heidelberger Druckmaschinen AG eingehend, stellte er die rhetorische Frage, was „Prinect“ dem Kunden bringe. Sie beschleunigt den Produktionsprozess, verbessert die Farbsicherheit und macht den Produktionsprozess transparenter. Prinect Color Solution stellt die optische Übereinstimmung zwischen Proof und Druck sicher, sorgt für einheitliche Rüstzeiten, unabhängig von Papier- und Farbkombination, und ermöglicht eine einfachere Überwachung und Einstellung während der Produktion. Die Bestrebungen von CIP4 erklärend, kam Dr. Spiegel auf „JDF“ (Job Definition Format) zu sprechen, denn die drupa2004 wurde im Vorfeld häufig als die „JDF-Messe“ apostrophiert. Dr. Spiegel sagte, man könne natürlich auch ohne JDF drucken, doch sei es besser, wenn die Schnittstellen vereinheitlich seien. Nach seiner Einschätzung brauche es jedoch noch drei bis fünf Jahre – dann werde JDF Allgemeingut sein. Die strukturierte Erfassung der Produktionsdaten erleichtere die exakte Nachkalkulation, verbessere die Voreinstellung und lasse den Produktionsstatus fernabfragen, was der Maschinenfehlerdiagnose zugute komme.

Danach stellte er den Suprasetter von Heidelberg vor, einen Plattenbelichter, der mit den Bedürfnissen des Kunden wachse. Seine Vorteile seien: übergreifende Modularität, flexibles Plattenhandhabungskonzept und die Ermöglichung von einfachen und schnellen Up-grades. Die Laser-Technologie von Heidelberg, wie sie in der Speedmaster SM 74 eingesetzt werde, garantiere hohe Belichtungsqualität auf 64 Kanälen. Die Maschine verfüge über einen Direktantrieb des Plattenzylinders und lasse sich durch die Modularität gut ausbauen.

In der Beschreibung der Heidelberger Bogenoffsetmaschinen fortfahrend, erklärte er die verschiedenen Konstruktionsprinzipien (große oder kleine Wendetrommeln) bei der Bogenwendung für den Schön- und Widerdruck. Die Speedmaster XL 105 stelle gegenwärtig das Flaggschiff der Heidelberger-Flotte dar, mit einer um 10% höheren Produktivität und sicheren (Anleger) 18 000 Bogen/Std. Die eigentliche drupa-Generation werde durch die Speedmaster SM 102/CD 102 repräsentiert. Damit verbinde sich auch eine neue Prepress-Generation. Die Maschinen verfügen über ein Höchstmaß an Automatisierung (Preset Plus bei an Anlage und Auslage, Hycolor bei Farb- und Feuchtwerk) und schließen auch das „Perfecting Coating“, eine doppelseitige Inline-Lackierung mittels Aniloxwalze ein.

Die Konkurrenz schläft nicht

Dr. Spiegel ging auch auf Konkurrenzprodukte ein und erwähnte dabei zuerst die ausländische Konkurrenz, die auf der drupa2004 diesmal besonders massiv aufgetreten ist. Da seinen zunächst die Beiren 200 und 300, sowie die Akiyama eXtreme 40, beide aus China. Desweiteren nannte er nur die Screen TruePress 344 aus Japan. Manche mögen bei dieser Auflistung im Halbformat Adast, Hamada, Komori, Oliver, Polly, Ryobi, Manugraph und Shinohara und im Mittel- und Großformatformat die Mitsubishi Diamond-Serie vermisst haben. Bei den inländischen Großformat-Maschinen nannte er die KBA-Rapida 185 und 205, sowie die MAN Roland 900 XXL. Höhere Geschwindigkeiten wiesen nach Dr. Spiegel die MAN Roland 700 sowie die KBA Rapida 74 und 105 auf – letztere auch im Großformat. Ein neues Design – immer wichtiger werdend – stellten die MAN Roland 700, die Komori Lithrone 640, alle KBA-Maschinen, die Akiyama eXtreme 40 und die Beiren-Maschinen vor. Auch bei den Konkurrenzmaschinen seien die Inline-Prozesse und die Applikationen, wie UV-Technologie, Kurzfarbwerke (Gravuflow), Direktantriebe (entkoppelte Druckerwerke) und die seitenmarkenfreie Bogenausrichtung hervorgehoben worden. Damit schloss Dr. Spiegel seinen mit viel Beifall aufgenommenen Vortrag und stellte sich den Fragen des sachkundigen Auditoriums.

Die etwas spezifische Frage eines ehemaligen Chefkonstrukteurs nach dem Zylinderdurchmesser bei einer bestimmten Heidelberger Bogenoffsetmaschine beantwortet Dr. Spiegel mit 310 mm, wobei er hinzufügte, dass nach wie vor keine Längswelle zum Einsatz kommt, nur Stirnradverbindungen von hoher Steifigkeit.

30-40% der Großformatmaschinen gehen angeblich nach Italien. Die Auflagenhöhen in Zentral-Europa seien wegen der verschiedenen Sprachen eher klein, was den Absatz der Großformatmaschinen einschränke. Der osteuropäische Markt entwickle sich ähnlich wie der zentral-europäische.

Bei den Schön- und Widerdruckmaschinen spricht der Fachmann je nach Anzahl der eingeschlossenen Druckeinheiten von „Kurzperfektoren“ und „Langperfektoren“ Letzte seien eine Domäne des europäischen Marktes (beidseitiger Mehrfarbendruck mit Inline-Nachbehandlung), während in Asien erstere vorgezogen werden (mehrer Durchgänge).

Auf die Einsatzmöglichkeit von Kurzfarbwerken auch bei Bogenoffsetmaschinen angesprochen, erklärte Dr. Spiegel, dass diese in Verbindung mit FM-Raster eigentlich ideal wären. Nur werde das Ganze durch die erforderlichen Zusatzeinrichtungen, wie Temperierung der Walzen, nicht billiger. Er erwarte jedoch, dass die nächste drupa dazu einige Ansätze bringen werde.

Bei einigen ausländischen Konkurrenzmaschinen stelle man fest, dass der Flexibilität eine höhere Priorität beigemessen werde, als der Optimierung auf ein einziges Produkt. Dies treffe besonders für Mitsubishi zu.

Bogenanleger mit vorgeschalteten Rollenschneidern machen nur Sinn in Ländern, wo Rollenpapier preiswerter als Bogenpapier zu haben ist – so z.B. in USA und China.

Was die aufstrebende chinesische Konkurrenz und die angestrebte Fertigung auch deutscher Maschinen in diesem Billiglohnland anbelangt, so glaubt Dr. Spiegel, dass für noch eine geraume Zeit dort keine komplexen Bogenoffsetmaschinen montiert werden können – mittelfristig müsse man jedoch damit rechnen. Es entstehen in China neben den staatlichen Großbetrieben viele kleine Unternehmen, die jedoch vorerst nicht in ausländischer Währung bezahlen können.

Eine Frage nach dem ansteigenden Flexodruckmarkt und wie sich die Bogenoffsetmaschinenhersteller darauf einstellen, beantwortete Dr. Spiel mit dem Hinweis auf die Vorstufe, bzw. die Druckplattenherstellung (höherer Zeitaufwand und höhere Kosten). Dass Heidelberg darin ein gewisses Potenzial sehe, beweise die Beteiligung an der Schweizer Firma Gallus.

Zum Schluss stellte Prof. Dörsam die Frage nach ganz neuen Konzepten im Bogenoffsetmaschinenbau, ähnlich dem von Harold Dahlgren mit seiner „Hustler“ Anfang der 1970er Jahre (Bogentransport mittels Stahlband, extremes Kurzfarbwerk). Er führte dazu als Anregung die Leichtbauweise und den Direktantrieb aller Zylinder und bewegten Transportelemente an. Jungingenieure müssten doch nach solchen Herausforderungen förmlich lechzen. Dr. Spiegel antwortete darauf, dass die Steifigkeit der Konstruktion, die für ein gutes Farbregister unumgänglich ist, das oberste Primat im Druckmaschinenbau darstelle. Auch bei Digitaldruckmaschinen sei dies trotz elektronischer Kompensierbarkeit unumgänglich und die Leichtbauweise nur bei kleinen Formaten möglich. Ein neues Konzept werde nur dann in Erwägung gezogen, wenn es wesentlich billiger zu werden verspricht.

 

Dipl.-Ing. Boris Fuchs